drucken
Bilderleiste
  Landesarbeitsgemeinschaft FrauenPolitik

Frauenpolitische Fahrt nach Berlin mit Sylvia Kotting-Uhl

Zu einer frauenpolitischen Abgeordnetenfahrt hatte Sylvia Kotting-Uhl vom 29.6.-2.7.2008 insgesamt 50 Frauen aus Baden-Württemberg eingeladen. Hier der Bericht:

 

Sonntag, 29.06.2008

 

Der Aufenthalt in Berlin begann am Sonntagabend mit einer kurzen politischen Stadtrundfahrt und anschließendem Abendessen und Treffen mit der Abgeordneten in der Osteria Caruso in Berlin Mitte. Da an diesem Abend das Endspiel der Fussball EM stattfand, strömte die Gruppe jedoch bald auseinander und die Fußball begeisterten Frauen unter uns wurden auf der Suche nach geeigneten Locations für ein zünftiges Public Viewing bei Berline Weiße mit Schuss schnell fündig: fast alle Kneipen rund um den Potsdamer Platz hatten sich in kleine Open Air Kinos verwandelt und die Stimmung war super. Mit ca. 15 Frauen landeten wir in einem komfortablen Bierzelt wo wir das spannende Abschlussspiel gegen Spanien – das zwar leider nur mit einem 2. Platz für Deutschland endete - bis zum Schluss anschauen konnten.

 

Montag, 30.6.200

 

Bundesfamilienministerium: BMFJFS

Am nächsten Morgen fanden wir uns zum 1. Programmpunkt im Ministerium für Familien, Jugend, Frauen und Senioren ein. Auf dem Plan hatte eigentlich das Thema Frauen und Arbeit gestanden – die Referentin räumte uns jedoch sehr großzügig Zeit für Fragen ein, so dass der eigentliche Vortrag letztendlich aus Zeitgründen entfallen musste. Das BMFJFS wurde in einer PPP vorgestellt, in der die Familieministerin Ursula von der Leyen einige Worte an das Publikum richtete: Besonders die Förderung junger Familien und der Ausbau der Kinderbetreuung liege ihr am Herzen und dazu gehöre auch, auf eine insgesamt kinderfreundlichere Gesellschaft hinzuwirken. Unsere Fragen bezogen sich auf die Ungerechtigkeiten bei der Auszahlung des Elterngeldes, durch das junge Frauen, die noch kein hohes Nettogehalt haben, finanziell benachteiligt werden. Von einer Gleichbehandlung aller Kinder könne bei Unterschieden von bis zu 1500 Euro pro Kind keine Rede mehr sein. Auch für die zum Teil unverständliche und komplizierte Ausgestaltung von Formularen regten wir eine Überarbeitung an und wiesen auf die Benachteiligung und Diskriminierung von jungen Vätern und Müttern in der Praxis des AntragstellerInnenalltags hin. Mit der Frage, wie man das Adoptionsrecht ändern könne, das vielen Menschen, die selbst keine leiblichen Kinder bekommen könnten, hohe Hürden für eine Elternschaft auferlegten, wurden wir an das Justizministerium verwiesen. Interessant war die Aussage der Referentin dass es im Rahmen einer Kampagne des BMFJFS eine Reihe von Wirtschaftsunternehmen gäbe, die eine Selbstverpflichtung für besonders familienfreundliche Arbeitsbedingungen eingegangen seien. Da sehr viele Fragen offen blieben, bot die Referentin an, diese an Fachgebietsleiterinnen weiterzuleiten und uns die Antworten nach Bearbeitung zuzusenden.


Führung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Auf die Rolle von Frauen im Widerstand wurde im Bendlerblock, der ehemaligen Schaltzentrale der Nazis und dem Hinrichtungsort der Attentäter vom 20. Juli 1944 um Graf Claus Schenk von Stauffenberg eingegangen. Die Namen von Frauen im Widerstand, wie z.B. Lisel Hermann, Mildred Harnack oder Libertas Schulze-Boysen sind eher weniger bekannt. Letztere war zunächst Mitglied in der NSDAP bevor sie als Journalistin im Reichspropagandaministerium Bildmaterial über deutsche Kriegsverbrechen sammelte. Ihren Mann unterstützte sie auf der Suche nach gleichgesinnten Gegnern des NS-Regimes. Ende Oktober 1941 traf sie einen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes und vermittelte ihm einen Kontakt zu ihrem Mann.

Nach Entdeckung der Verbindungen zur Sowjetunion wurden Libertas und ihr Mann verhaftet. Das eingeleitete Verfahren endete am 19. Dezember 1942 mit Todesurteilen. Libertas Schulze-Boysen wurde in Berlin Plötzensee im Alter von 29 Jahren ermordet.

 

Besuch im Grünen Frauenreferat/Bundesfrauenrat der Grünen

Am Nachmittag fanden wir uns in der Parteizentrale von Bündnis 90 die Grünen ein, wo die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Astrid Rothe-Beinlich, einen zweistündigen Vortrag über die Entstehung der Parteizentrale und über zahlreiche grüne frauenpolitische Projekte und Initiativen vorbereitet hatte. Sie berichtete zunächst von ihrer ostdeutschen Sozialisierung und den unterschiedlichen Einstellungen berufstätigen Müttern gegenüber in Ost und West. Die Diskussion um Frauen und Arbeit habe sie am Anfang gar nicht nachvollziehen können – in Ostdeutschland sei es selbstverständlich gewesen, dass junge Mütter einen Beruf ausübten oder studierten. Davon sei man jetzt, besonders im Westen, immer noch weit entfernt.  In einer ausgiebigen Fragestunde hatten wir Gelegenheit, gezielt Fragen zu stellen und zu diskutieren. Die frauenpolitischen Beschlüsse des Bundesfrauenrates sind übrigens alle auch im Beschlussarchiv zu finden. Ausdrücklich wies Astrid auf die diesjährige Bundesfrauenkonferenz hin, die am 20. und 21. September in Nürnberg zum Thema Frauen und Arbeit stattfindet.

 

Vortrag im Bundestag und Gespräch mit Sylvia Kotting-Uhl im Fraktionssitzungssaal von Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Anschließend stand ein Besuch des Reichstagsgebäudes mit einem Vortrag im Plenarsaal auf dem Programm und danach eine Gesprächsrunde mit Sylvia Kotting-Uhl im Fraktionssitzungssaal. Sylvia berichtete über ihre Arbeit und stellte eindrucksvoll dar, dass selbst auf Bundesebene Abgeordnete um Themen ringen müssen und dass oft harte Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen geleistet werden müsse, um Mehrheiten zu gewinnen. Sie gab einen Einblick in einige ihrer aktuellen Themen: das Umweltgesetzbuch, das Fachgespräch Umwelt und Gesundheit und ihr Konzept einer effizienten Ressourcenpolitik zu dem kürzlich auch ein Flyer erschienen ist. Alle Papiere und reden von Sylvia unter www.kotting-uhl.de.

Hinterher ging es dann natürlich obligatorisch auf die Reichstagskuppel, die uns einen herrlichen Blick über Berlin bot. Das Gruppenfoto wurde an Ort und Stelle gemacht und damit war dann der offizielle Teil des Programms beendet.

Nach diesem ersten informativen Tag ließen wir den Abend in kleineren Gruppen  ausklingen und trafen Sylvia später noch in der Kreuzberger „Kiezmeile“, der Bergmannstraße auf einen kleinen Absacker und zum Schwätzen in gemütlicher Runde.

 

 

Dienstag 01.07.2008

 

Deutscher Werberat

Der Tag begann mit einem echten Highlight in der Zentrale des deutschen Werberates wo Volker Nickel, Sprecher des deutschen Werberates und des ZAW (Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft) einen spannenden Vortag über frauenfeindliche Werbung hielt. Nicht überraschend war, dass sich der größte Anteil aller Beschwerden auf frauenfeindliche Werbung bezieht, was er anhand einiger Beispiele sehr überzeugend visualisierte. Sein Rat: wenn uns irgend etwas auffällt, was als frauenfeindlich, diskriminierend oder sexistisch eingestuft werden kann, sollen wir es sofort an den deutschen Werberat melden. Oft würde eine direkte Abmahnung oder Intervention durch den Deutschen Werberat genügen, damit Firmen – wenn auch meist widerwillig diese Werbung absetzen. Auch eine Weitergabe an die Regionalpresse sei sinnvoll. Die Powerpointpräsentation von Volker Nickel kann hier abgerufen werden. Auf der Website des Deutschen Werberats kann man sich informieren und auch Beschwerden loswerden.

 

Anschließend ging es zum Mittagessen ins türkische Restaurant Hasir in der Oranienburger Straße. Hier hatten wir Gelegenheit zur Besichtigung der Hackeschen Höfe und ausreichend Gelegenheit zum stöbern und shoppen in den Designergeschäften, in denen Fashion Made in Berlin verkauft wird.

 

Danach  besuchten wir das Jüdische Museum. In einem Einführungsvortrag erfuhren wir etwas über die Architektur des von Daniel Libeskind erbauten Hauses. Danach konnte sich jede von uns auf die Spuren der Opfer des Holocaust begeben, der Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland folgen oder im Garten des Exils ihren eigenen Gedanken nachgehen. Wer sich weitergehend informieren möchte, wird fündig auf der Website des Jüdischen Museums .

 

Der Abend klang mit einem Abendessen auf einem Spreeausflugsschiff aus. Hier hatten wir ausreichend Gelegenheit, mit der Unterstützung einer sachkundigen Wasser-Stadtführerin das politische und historische Berlin vom Fluss aus zu erleben.

 

Mittwoch 02.07.2008

 

Weiberwirtschaft

Ein weiteres Highlight erwartete uns in der „Weiberwirtschaft“, Europas größtem Gründerinnenzentrum. Katja von der Bey, Vorstand, erzählte in ihrem Vortrag, wie schwierig es gewesen sei, für das direkt nach der Wende erworbene Anwesen, in dem inzwischen Firmen, Ladengeschäften, Wohneinheiten, eine Kantine und eine Kita untergebracht sind, eine Finanzierung aufzustellen und das Projekt dann auch zu erhalten. Ein Rückschlag sei die Entdeckung von Teer-Resten in den Zwischenböden gewesen – und zwar nachdem bereits alles renoviert war. So hätte alles wieder aufgerissen werden müssen, was nicht nur eine organisatorische Herausforderung sondern auch eine große finanzielle Belastung darstellte. Momentan steht das Zentrum gut da. Um Stück für Stück des gesamten Anwesens von den Kreditgebern zurückzukaufen, sei man aber nach wie vor auf die Unterstützung durch neue Genossenschafterinnen angewiesen.  Ein Anteil an der „Weiberwirtschaft“ kostet zurzeit 130  Euro und man kann nur dafür plädieren, dieses mutige und innovative Projekt, das mit der Frauenförderung auch innovative Wirtschaftsförderung betreibt, zu unterstützen. Am meisten beeindruckte uns die speziell auf die Lebenssituation vieler Frauen ausgerichtete Kombination aus Wohnen, Arbeiten und Kinderbetreuung: alles ist praktisch, pragmatisch, miteinander vernetzt und sehr kommunikativ.  Diese guten Bedingungen werden noch ergänzt durch die Möglichkeit, auch ganz kleine Einheiten zu mieten und eine finanzielle Anfangsförderung, die sogenannte „Milchmädchenrechnung“ in Anspruch zu nehmen. So haben sich viele Frauen in den letzten Jahrzehnten auf dieser Basis erfolgreich etablieren können. Und auch wenn sie zum Teil den Standort gewechselt haben, profitiert die „Weiberwirtschaft“ auch heute noch von dem Know-How ihrer 1500 Genossenschaftlerinnen was nach Auskunft von Katja von der Bey mindestens soviel wert ist, wie das finanzielle Kapital, das sie eingezahlt haben. Genossenschafterin kann übrigens jede werden – hier der Link auf die Weiberwirtschaft.

 

Das Gunda Werner Institut der Heinrich-Böll Stiftung stellt sich vor

Die Heinrich Böll Stiftung – bisher in den Hackeschen Höfen beheimatet – zieht momentan um. Henning von Bargen und Gitti Henschel, die LeiterInnen des Gunda Werner Instituts hatten sich daher bereit erklärt, ihren Vortrag in den Räumlichkeiten der Weiberwirtschaft vorzustellen. Sie zeigten einen Film zu dessen Beginn der Ausschnitt eines Gesprächs zwischen Sigfried Lenz und Heinrich Böll gezeigt wird. Letzterer sagt sinngemäß: Entschuldige bitte – aber ein Teil von mir ist auch – irgendwie - weiblich. Diese Aussage - für die damalige Zeit ziemlich mutig - stand dann quasi als Überschrift im Raum während im Filmbeitrag mit Interviews von Politikerinnen und Politikern der Frage nachgegangen wurde, was denn typisch weibliches/typisch männliches Verhalten sei. Gitti Henschel und Henning von Bargen berichteten über die Strukturen und Themenfelder des Gunda-Werner-Instiuts und gaben einen Überblick über die vielfältigen Aufgaben wie Forschungs-, Vernetzungs- und Bildungsarbeit. Auf der Website ist ein großes Archiv mit genderpolitischen Texten zu finden:  – frau muss nur ein bisschen suchen und surfen – aber es lohnt sich!

 

Das Fazit der Reise

Es wurden jede Menge neue Eindrücke und Impulse für die frauenpolitische Arbeit vor Ort mitgenommen. Neue Bekanntschaften wurden geschlossen und Netzwerke erweitert, Erfahrungen ausgetauscht und Pläne geschmiedet. Das möchten wir gerne sporadisch weiterverfolgen und deshalb ist ein Nachtreffen geplant für den 18. Oktober, aller Wahrscheinlichkeit nach in Karlsruhe.

Fotostrecke Berlinfahrt

Sony am Potsdamerplatz
Public Viewing
im Bundesfamilienministerium...
...viele Frauen - viele Fragen
Gedenkstätte deutscher Widerstand
Stauffenberg Hinrichtungs- und Gedenkstätte
eine sachkundige Referentin...
...gibt Auskunft über die Frauen der "Roten Kapelle"
Zwischenstopp am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas
Brandenburger Tor -in der Nähe der "Fanmeile"
Fiaker in Berlin
Eis...
...mehr Eis...
...und noch mehr Eis - natürlich Bio!
Besuch im Bundesfrauenreferat...
...bei der frauenpolitischen Sprecherin Astrid Rothe-Beinlich (m)
warten auf Holger...
...vor der Bundesgeschäftsstelle
die "Parteizentrale"
Mahnmal für Abgeordnete der Weimarer Republik
wir nehmen Kurs...
auf den Reichstag
Der Bundesadler - alias "fette Henne"...
...und die Reichstagskuppel in ökologischer Bauweise
friedfertige...
...und gutgelaunte Staatsbürgerinnen
im Fraktionssitzungssaal der Grünen
Vortrag von Sylvia Kotting-Uhl
Grüne gegen Rassismus
auf dem Dach des Reichstags...
...und über den Dächern...
...der Hauptstadt
ein Fotograf, der 50 Frauen auf ein Bild kriegen muss
der (Abend-) Himmel über Berlin
Gedenkstätte für die von den Nazis verbrannten Bücher
unsere Reiseleiterin (m)
im Restaurant Hasir...
...in der Oranienburger Straße
die Hackeschen Höfe...
...mit zahlreichen Möglichkeiten, Geld auszugeben
Im Jüdischen Museum...
...Garten des Exils
auf den Wasserstraßen von "Spree-Athen":
entspanntes sightseeing vom Wasser aus
eine der zahlreichen Strandbars
die Museumsinsel
die schwangere Auster
das Bundesinnenministerium
der Hauptbahnhof vom Wasser aus...
...und Kunst - auf Sand gebaut
Katja von der Bey, Vorstand der Weiberwirtschaft e.G....
...erklärt Historie, Strukturen und Ziele des größten europäischen Gründerinnenzentrums
Rundgang durch den Hof der Weiberwirtschaft:
die ideale Kombination von Wohnen, Arbeiten, Kinderbetreuung und sozialem Leben
Gitti Hentschel und Henning von Bargen geben einen Einblick in das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung
Leider ist die Zeit schon wieder um...
...und der Hauptbahnhof in Sichtweite