Bilanz zum diesjährigen Internationalen Frauentag
100 Jahre sind noch zu wenig
Im August 1910 beschlossen etwa 100 Frauen aus 17 Nationen, künftig jedes Jahr einen Frauentag zu veranstalten, der internationalen Charakter haben sollte. Zwei deutsche Sozialistinnen, Käthe Duncker und Clara Zetkin, waren es, die sich auf dem Treffen in Kopenhagen für einen Frauentag einsetzten und damit den Beschluss für einen künftigen Gedenktag forcierten. Erklärtes Ziel der Sozialistinnen auf ihrer 2. Konferenz war es, für die Einführung des freien, geheimen und gleichen Frauenwahl-rechts zu kämpfen, sich für die Gleichberechtigung von Frauen, für Frieden und eine humane Gesellschaft einzusetzen.
Zum damaligen Zeitpunkt kam das einer kleinen Revolte gleich. In ihrer international recht einflussreichen Partei, der SPD, stießen die Frauen damit jedoch auf wenig Unterstützung, sprachen doch viele männliche Mitglieder höhnisch von „Frauenrechtelei“ oder von „Extrawürsten“. Dennoch wurde der erste Frauentag zunächst am 19. März 1911 in den USA, Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz begangen. Zwar hatte die Sozialdemokratische Partei sich bereits vor 1900 für ein Frauenwahlrecht ausgesprochen – wohl nur deshalb, um mit den Frauenstimmen ihre Wählerschaft zu vergrößern, aber innerhalb der nächsten fünf Jahre hatte der Frauentag seinen Platz in der sozialistischen Frauenbewegung gefunden. Während des 1. Weltkrieges wurden dann Demonstrationen und Kundgebungen im Rahmen des Frauentages verboten, sodass ab 1916 Versammlungen nur noch in Räumen stattfinden konnten.
Im Januar 1919 konnten Deutschlands Frauen erstmals wählen; die Wiedereinführung des Internationalen Frauentages wurde dann zwar 1923 beschlossen, jedoch erst 1926 umgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt gab es in der Weimarer Republik zwei Frauentage: einen sozialdemokratischen ohne festes Datum sowie einen kommunistischen am 08. März. Die deutschen Frauen forderten u.a. Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnabzüge, eine Senkung der Lebensmittelpreise, eine regelmäßige Schulspeisung für Kinder; sie kämpften gegen den § 218 und forderten einen legalen Schwangerschaftsabbruch.
Während des 3. Reiches, also zwischen 1933 und 1945, wurde der Frauentag offiziell verboten und durch den Muttertag ersetzt. Dieser entsprach dem nationalsozialistischen Frauen- und Mutterbild und wurde demzufolge in den Rang eines offiziellen Feiertages erhoben. Flankierend dazu kam 1934 die Einführung des Numerus clausus für Frauen, um mit diesem Studienerschwernis Frauen von den Universitäten und damit dem Arbeitsmarkt fernzuhalten. Und in Baden-Württemberg gab es sogar bis 1956 ein sogen. „Lehrerinnenzölibat“: mit der Heirat mussten sie den Schuldienst quittieren.
Internationale Frauentreffen am 08. März 1945 in London sowie 1947 auf dem Deutschen Frauenkongress in Berlin waren von den schmerzlichen Erlebnissen der Frauen im Widerstand, in den KZ, der Emigration, geprägt, für die der Frauentag die Erinnerung an eine bessere Vergangenheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft bedeutete. Es waren dann aktive Gewerkschafterinnen, Sozialdemokratinnen und die Frauen der neuen autonomen Frauenbewegung, die aus dem seit den 1950er Jahren nahezu vergessenen „Aktionstag 08. März“ diesen in den 1970er Jahren wieder als den Internationalen Frauentag bekannt machten und mit Aktionen wiederbelebten.
Nach Gründung von Bündnis 90/Die Grünen im Jahre 1980 wurde im Frauenstatut, ganz im Sinne des Internationalen Frauentages, eine Mindestquote von 50 % verankert, d.h. die Hälfte aller トmter und Mandate sind mit Frauen zu besetzen (Geschlechterparität). Auf diese Weise wurden nicht nur 7 Frauen von 13 Abgeordneten ins EU-Parlament gewählt, sondern von den 51 Grünen MdB's sind 30 Frauen; die Hälfte der sechs Mitglieder des Bundesvorstandes der Partei gleichfalls. Im Weinheimer Gemeinderat beträgt der Grüne Frauenanteil nahezu 70 %. Toll!
In diesem Jahr begeht der Internationale Frauentag sein hundertjähriges Bestehen, doch es gibt auch Gegnerinnen dieses Internationalen Gedenktages: Die Feministin und EMMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer z.B. plädiert seit 1994 für eine komplette Streichung des Internationalen Frauentages: „Schaffen wir ihn […] endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“
Wir Frauen von Bündnis 90/Die Grünen sind anderer Meinung: er ist und bleibt wichtig. Warum? Ein Beispiel: Trotz besserer Schul-, Berufs- und Hochschulabschlüsse erhalten Frauen in Deutschland ca. 22 % weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Dies verletzt das Prinzip, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, benachteiligt und diskriminiert Frauen systematisch, nur auf Grund ihres Geschlechtes.
Bündnis 90/Die Grünen fordern beispielsweise eine Stufenregelung bei der Besetzung von Aufsichtsratsgremien in börsennotierten Unternehmen und zwar: ab 2015 eine Frauenquote von mindestens 30 %, ab 2017 dann eine von 40 %. Familienministerin Schröder lehnt das kategorisch als „ultima ratio“ ab; sie redet einer flexiblen Frauenquote im Rahmen einer gesetzlichen Regelung das Wort. Unternehmen sollen ab einer gewissen Größe eine Quote zur Beseitigung der materiellen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen selbst festlegen, zu deren Einhaltung sie sich im Rahmen eines Stufenplanes verpflichten, mehr Frauen in Top-Positionen zu bringen – sogen. freiwillige Selbstverpflichtung. Interessant ist, dass selbst CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen eine 30 %-ige Frauenquote für seit langem fällig hält. Ein Gleichstellungsgesetz in der Privatwirtschaft ist demzufolge unumgänglich, denn der Appell an die unter-nehmerische Einsicht, bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt einzustellen, blieb bisher ohne nennenswerte Resonanz.
Die geschlechtsspezifische Diskrepanz zeigt sich deutlich auf dem Arbeitsmarkt: Trotz besserer Schul-, Berufs- und Hochschulabschlüsse erhalten Frauen in Deutschland ca. 22 % weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Dies verletzt nicht nur das Prinzip, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, sondern Frauen werden auf Grund ihres Geschlechtes systematisch diskriminiert. Die Landesarbeitsgemeinschaft FrauenPolitik von Bündnis 90/Die Grünen nimmt den diesjährigen Internationalen Frauentag zum Anlass, den Stand der Geschlechter-gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern in Deutschland zu bilanzieren. Schließlich ist Chancengleichheit für alle, Frauen und Männer, ein zentrales Thema; es gehört zum Selbstverständnis gelebter Demokratie.
Trotz aller Geschlechterungleichheit: Frauen und Männer der GAL Weinheim feiern am Sonntag, 06. März 2011, von 11.00 bis 13.00 Uhr, im Alten Rathaus, gemeinsam den Internationalen Frauentag und laden dazu alle WeinheimerInnen herzlich ein. Neben der Festrede von Dr. phil. Franziska Brantner (MdEP), einzige Abgeordnete der Metropolregion im EU Parlament und in diesem Mitglied im Ausschuss für die Rechte der Frau und Gleichstellung der Geschlechter, gibt es Musik von Michelle Walker, Häppchen und diverse Getränke. Außerdem können drei weibliche Gäste, sofern sie sechs Quizfragen richtig beantworten, einen von der Landesarbeitsgemeinschaft FrauenPolitik gestifteten Preis gewinnen.
Unser Landtagskandidat Hans-Ulrich Sckerl wird die Auslosung vornehmen: eine Eintrittskarte der Kategorie I und III für das WM-Fußballspiel der Frauen um den 3. Platz am 16. Juli 2011 in Sinsheim sowie „Das Weiberlexikon – Von Abenteurerin bis Zyklus“.
Doro Meuren
Stellv. Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft FrauenPolitik Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg

