Frauen und Rechtsextremismus
Sie sind organisiert im "Mädelbund Thüringen", behaupten im Ring nationaler Frauen: "Deutschland ist auch Frauensache" und suchen in Mütterforen volkstreue Männer, um arischen Nachwuchs zu produzieren. Es ist die Rede von Überfremdung, von gesundem deutschen Volksempfinden und vom Untergang deutschnationalen Kulturgutes, dessen Bewahrung den national denkenden Frauen obliegt. Die Zeitschrift Brigitte hat es bereits 1992 mit dem Beitrag "Häkeln für das 4. Reich" auf den Punkt gebracht.
Bisher wird Rechtsextremismus eher als Männerphänomen wahrgenommen, das häufig mit Gewalt verknüpft ist. Seit den 90er Jahren haben jedoch rechtsextreme Frauenorganisationen einen enormen Zulauf. Während sich die Aktivitäten bisher vorwiegend auf die neuen Bundesländer konzentrieren, steht zunehmend auch Baden-Württemberg im Fokus dieser Organisationen. Rechtsextreme Mädchen und Frauen müssen als politisch handelnde Akteurinnen und nicht nur als harmlose, unpolitische Mitläuferinnen wahrgenommen werden.
Mädchen und Frauen sind im rechten Spektrum dennoch nach außen weniger sichtbar. Sie agieren eher im Hintergrund, z.B. in Mütterforen auf einschlägigen Seiten und entziehen sich damit zu einem großen Teil unserem Blickfeld. Frauen sind für rassistische und rechtsextreme Einstellungen jedoch genauso empfänglich wie Männer und übernehmen sogar eine Scharnierfunktion, indem sie mit „friedlichem“ Auftreten rechtsextremes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft hineintragen.
Frauen sind mit unterschiedlichen Anteilen und unterschiedlichen Rollen im rechtsextremen Spektrum vertreten. Die unterschiedlichen Angaben sind darin begründet, dass geschlechtsspezifische Analysen generell nicht im Vordergrund der Rechtsextremismus-Forschung stehen, rechtsextreme Parteien und Gruppen kaum eigene und nachprüfbare Angaben zum Anteil von Frauen in ihrer jeweiligen Organisation machen und Schätzungen sich auf diverse, oft nicht vergleichbare Studien beziehen, die teilweise vor über zehn Jahren gemacht wurden.
Die Zugehörigkeit von Frauen im organisierten Rechtsextremismus d. h. ihre Mitgliedschaft in rechtsextremen Parteien, in der Neonazi-Szene und in rechten Jugendcliquen ist daher ungenau.
Aufgrund fehlender empirischer Untersuchungen schwanken die Schätzungen zwischen sieben und 20 Prozent, nach hohen Schätzungen sogar bis 30 Prozent. Hinsichtlich der Wählerschaft rechtsextremer Parteien gehen ExpertInnen davon aus, dass sie sich zu etwa einem Drittel aus Frauen zusammensetzt.
Bezüglich rassistischer und rechtsextremer Einstellungsmuster gibt es laut aktueller Studien kaum noch geschlechtsspezifische Unterschiede. Lediglich die Anwendung von Gewalt im Zusammenhang mit rechtsextremem Verhalten lehnen Frauen stärker ab als Jungen und Männer.
Prävention und Aufklärung müssen an erster Stelle bei der Bekämpfung rechtsextremistischen Verhaltens stehen. Frauen geben ihr Gedankengut an ihr unmittelbares Umfeld weiter, auch an ihre Kinder. Kinder und Jugendliche sind empfänglich für extreme Positionen. Daher muss es ausreichend Angebote geben, die ein Abrutschen in die rechte Szene verhindern und ein Aussteigen ohne Gefahr möglich machen. Dass ein Verbot der NPD nicht umgesetzt werden kann, bestärkt ideologisch verwandte Jugend- und Frauenorganisationen. Pädagogischen Angebote müssen dazu geeignet sein, politische Gegenpositionen zum Rechtsextremismus zu stärken. Der Rückgang rechter (Gewalt-) Straftaten im Zusammenhang darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Szene auch mit Hilfe der Frauenorganisationen in eine ganz neue Richtung weiter entwickelt.
Damit das Thema auch an die Landesregierung herangetragen wird, wollen wir auf dem Landesfrauenrat am 25. April einen Inititivantrag "Rechstextreme Frauenorganisationen beobachten und bekämpfen" stellen.
Links:
Astrid Rothe-Beinlich: Vortrag bei bei der BAG Frauenpolitik am 9. Februar 2008
Monika Lazar: viele Infos zu Frauen und Rechtsextremismus
Monika Lazar: Dossier zum Thema auf der Seite der Bundeszentrale für pol. Bildung
Dr. Renate Bitzan: Theorie und Praxis von Geschlechterrollen im Rechtsextremismus
IDA (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit)

